Schaufensterreihe IGPP-Archiv # Nr. 6
Autor: Uwe Schellinger

Die Kinder- und Sportärztin Dr. Dr. Else Liefmann (1881-1970) gilt als eine der bemerkenswertesten Frauen der Freiburger Stadtgeschichte im 20. Jahrhundert. Neben ihrer Tätigkeit als Ärztin mit eigener Praxis engagierte sie sich in der Weimarer Republik als Stadtverordnete der Deutschen Demokratischen Partei und war in vielfältiger Weise für die Organisation und die Belange von Ärztinnen und Akademikerinnen aktiv. Seit 2000 in Freiburg-Weingarten ein Platz nach ihr benannt. Im Jahr 2003 eröffnete man das Liefmann-Haus in der Goethestraße als Gästehaus der Universität Freiburg.

Else Liefmann stand in einer besonderen Beziehung zur Familie von Hans Bender, dem Gründer des IGPP. Sie war die beste Freundin von dessen Mutter Alice Bender-Hartlaub. Bender war der Patensohn von Else Liefmann, die ihn ihren „Göttibub“ nannte. Sie selbst war für Bender einfach die „Tante Else“.
In den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur verliefen ihre Lebenswege dann völlig unterschiedlich: Während Hans Bender eine universitäre Karriere bis hin zum Professorentitel einschlagen konnte, bedeutete der Machtantritt der Nationalsozialisten für seine Patentante einen gravierenden biographischen Einschnitt. Aufgrund der jüdischen Herkunft ihrer Eltern, die zum Protestantismus konvertiert waren, geriet Else Liefmann ebenso wie ihre Geschwister Martha und Robert in den Fokus der nationalsozialistischen Rassepolitik. Im Oktober 1940 wurden die Geschwister Liefmann zusammen mit fast allen Jüdinnen und Juden Freiburgs in das Internierungslager Gurs in Südfrankreich deportiert. Ihr Elternhaus sowie ihr zurückgelassener Besitz wurden danach „arisiert“.
Else Liefmann gelang 1942 die Flucht aus Frankreich in die Schweiz. Fortan in Zürich lebend, konnte sie sich in den folgenden Jahren aber nur mit Mühe und Wasser halten. Man hatte ihr 1938 die Approbation entzogen und die wissenschaftliche Laufbahn war abgebrochen worden.
1960 besuchte sie Freiburg ein letztes Mal – zur Beerdigung ihrer besten Freundin Alice Bender-Hartlaub. Mit dem Buch „Helle Lichter auf dunklem Grund“ veröffentlichte Else Liefmann zusammen mit Ihrer Schwester Martha im Jahr 1966 einen der ersten Erfahrungsberichte an die Geschehnisse während der NS-Zeit in Freiburg, an das Camp de Gurs an die Flucht.

Else Liefmann wird überwiegend mit ihrem Opferschicksal wahrgenommen und darauf reduziert. Ihre vielfältigen wissenschaftlichen Aktivitäten vor und nach der NS-Zeit sind hingegen so gut wie unbeachtet geblieben. Möglicherweise kann ihr im IGPP aufbewahrter Teilnachlass hier Abhilfe schaffen. Während sich Liefmann in den 20er-Jahren mit Themen aus der Kinderheilkunde und mit der Forschung zu Zwillingen befasste, waren es in den Nachkriegsjahrzenten insbesondere Forschungen zu Handlinien und zur sogenannten Chirologie. Hier, bei diesen unorthodoxen Deutemethoden, ergaben sich Schnittmengen zum Profil des IGPP. Kurz vor ihrem Tod im Jahr 1970 hinterließ sie deshalb ihrem Patensohn Hans Bender Teile ihres Nachlasses. So gelangte auch ein Koffer Else Liefmanns gefüllt mit „Material für Handabdrücke“ in das IGPP



Im IGPP ausgestellte Objekte:
Fotografie: Else Liefmann (1881-1970), unbekannte*r Fotograf*in, Reproduktion
(Archiv des IGPP)
Buch: Martha Liefmann/Else Liefmann: Helle Lichter auf dunklem Grund, Bern: Christliches Verlagshaus, 1966
(Archiv des IGPP, 10/20_8)
Heft mit Handabdrücken (1950er Jahre)
(Archiv des IGPP, 10/20_34)
Metallene Druckvorlagen mit Handabdrücken (1950er Jahre)
(Archiv des IGPP, 10/20_24)
Separatum: Else Liefmann: Ist Handlesung (Chirologie) eine Wissenschaft? (Der Psychologe. Monatsschrift für Psychologie und Lebensberatung, 11. Jg., H. 4, 1959)
(Archiv des IGPP, 10/20_12)
Koffer von Else Liefmann, 32,5cm x 49,5cm x 12,5cm, Aufschrift „Material für die wissenschaftliche Arbeit über Handabdrücke“
(Archiv des IGPP, Bestand 10/20)
Nachweis der im Text verwendeten Objekte mit ihrer Archivsignatur.
Quelle:
IGPP-Archiv_Schaufenster_Tante Elses Koffer
